Wie lernen indigene Kinder?

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Während unseres Lebens durchlaufen wir viele verschiedene Lernphasen. Wir lernen zu vielen verschiedenen Zeitpunkten und auf viele unterschiedliche Weisen. Und was Menschen lernen und wer lehrt, variiert sehr von Kultur zu Kultur.

Indigene Kinder lernen beispielsweise viel von ihren Eltern und nahen Verwandten. Das Wissen vom Leben und vom Überleben wird in alltäglichen Aktivitäten oder auch bei besonderen Gelegenheiten wie Festen oder im Rahmen von Ritualen weitergegeben.

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Die Kinder lernen am meisten innerhalb ihrer Familie. Egal, was die Verwandten tun, die Kinder sind meistens dabei. Sie achten sehr genau darauf, was ältere Menschen tun und sagen. Sie begleiten ihre Eltern zum Dorfgarten, wo Getreide angepflanzt wird. Sie gehen mit den Erwachsenen zum Fischen und haben Spaß beim Spiel. Jedes Spiel ist eine Möglichkeit, etwas Neues zu lernen, das irgendwann nützlich sein kann, wie jagen, fischen, den Körper anzumalen, Pfeil und Bogen, Töpfe und Körbe herzustellen… Durch diesen Lernprozess entwickeln die Kinder Fähigkeiten, die sie später, wenn sie auf eigenen Füßen stehen wollen, beherrschen müssen. Kinder lernen, wie sie sich gegenüber anderen in der Familie und der Gemeinschaft benehmen sollen.

Mulher e crianças xavante descascando abóbora. Aldeia Etenhiritipá, MT. Foto: Camila Gauditano.

Sie lernen, wer als Schwester, Bruder, Onkel oder Tante gilt, und wen sie später vielleicht heiraten können. Sie finden heraus, welche Rolle sie selbst innerhalb der Gemeinschaft spielen. Nach und nach lernen die Kinder, sich angemessen zu verhalten. Sie lernen wichtige Regeln und Prinzipien, die sie zu aktiven Mitgliedern ihrer Gemeinschaft machen. Deshalb ist es sehr wichtig, dass die Kinder genau auf das alltägliche Leben um sie herum achten und auf das, was ihnen beigebracht wird.

Gibt es in indigenen Dörfern Schulen?

Ja, viele Dörfer haben Schulen. Jede indigene Gegend hat eine oder auch mehrere Schulen, je nachdem, wie groß das Gebiet ist.

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Wie die nicht-indianischen Schulen sind die indigenen Schulen Orte, wo Kinder hingehen, um zu lernen. Und oft ist das, was in den indigenen Schulen gelehrt wird, etwas ganz anderes als das, was von den Verwandten im Dorf weitergegeben wird. Natürlich haben diese beiden Lernformen auch Gemeinsamkeiten.

Aber grundsätzlich steht beim Unterricht in den Schulen das Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen und anderen Fähigkeiten im Vordergrund, die wichtig sind im Umgang mit der nicht-indianischen Welt. Parallel lernen die Kinder von ihren Verwandten, wie die Gemeinschaft organisiert ist, wie Gegenstände hergestellt werden und wie man im Einklang mit der natürlichen Umgebung lebt.

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Die Fächer, die indigene Kinder in der Schule haben, unterscheiden sich zum Teil von den Fächern in nicht-indianischen Schulen. Die indigenen Völker haben das Recht, ihre Schule nach ihren Bedürfnissen zu gestalten. Ihre Lehrer können Fächer unterrichten, die Informationen über die eigenen Kultur und Sprache der Kinder vermitteln. Aber dieses Recht wird nicht immer in die Praxis umgesetzt.

Oft werden Themen behandelt, die überhaupt nichts mit dem wirklichen Alltag der indigenen Gemeinschaft um sie herum zu tun haben. Tatsächlich wird manchmal eher der Eindruck vermittelt, die einzig korrekte Sicht auf die Dinge sei die nicht-indianische. Ein Blick auf die Geschichte der Erziehung an Brasiliens indigenen Schulen zeigt, dass es immer Versuche gab, die indigenen Bevölkerungen in die sie umgebende Gesellschaft zu integrieren. In anderen Worten heißt das: In den Schulen wurde Druck auf die indigenen Kinder ausgeübt, Teil der weiteren Kultur des Landes zu werden.

Diese Art der Integration war oft ein Mittel, die Indianer zu zwingen, wie Nicht-Indianer zu leben. So wurde ihnen zum Beispiel beigebracht, nur auf Portugiesisch, der offiziellen Sprache in Brasilien, zu schreiben und zu lesen. Erst seit ein paar Jahren werden auch indigene Sprachen an den Schulen gepflegt..

Können Schulen dabei helfen, den Gebrauch indigener Sprachen zu unterstützen?

Neue Arten indigener Schulen entwickelten sich in den 90er Jahren. Sie begannen, die kulturellen Unterschiede und die indigenen Sprachen Ernst zu nehmen. So wurden die Schulen zu Orten, an denen zum Gebrauch indigener Sprachen angeregt und ermutigt wurde.

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Ab diesem Zeitpunkt konnten indigene Menschen selbst Lehrer in den Dorfschulen werden. Indigene Sprachen hielten Einzug ins Klassenzimmer. Und der Stundenplan veränderte sich. Die Fächer bezogen sich mehr auf die Lebensrealität der Gemeinschaft außerhalb der Schule.

 

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Neben der Konzentration auf Lesen, Schreiben, Rechnen und andere grundsätzlichen Fähigkeiten, die Nicht-Indianer lernen, begannen indigene Schulen, andere lokalere Formen von Wissen zu unterrichten. Die Schüler sollten zum Beispiel lernen, wie man Bodenschätze nutzt und sich um seine Umgebung kümmert. Sie studierten die Geschichte ihrer Vorfahren, hörten die Sagen ihres eigenen Volkes etc. Die Organisation des Schuljahres wurde den lokalen Festen und Ritualen angepasst.

Dieses neue Bildungsmodell unterstützt die Bedeutung der lokalen Sprachen und respektiert das Gefühl der Kinder, zu einer indigenen Gruppe mit einer besonderen Lebensweise zu gehören.

Warum ist es wichtig, dass indigene Völker Portugiesisch lernen?

Auch wenn der Unterricht in einer indigenen Sprache abgehalten wird, ist es sehr wichtig, dass die Kinder auch Portugiesisch lernen. Die Vertrautheit mit der portugiesischen Sprache eröffnet indigenen Menschen Möglichkeiten, mit anderen zu kommunizieren und die brasilianischen Gesetze zu verstehen und zu übersetzen – insbesondere die Rechte, die die indigenen Völker betreffen.

Tatsache ist, dass alle Dokumente, die man braucht, um in Brasilien zu leben, auf Portugiesisch verfasst sind. Wer auf Portugiesisch schreiben kann, kann indigenen Völkern auf vielfältige Weise bei der Verteidigung ihrer Rechte helfen. Außerdem erhalten sie so Zugang zum Wissen anderer Gesellschaften.

 

Wie wird bei den Xavante-Kindern gelernt?

Mulher xavante retorna do rio. Aldeia Etenhiritipá, MT. Foto: Camila Gauditano
Die Xavante, die in der Steppengegend des brasilianischen Bundesstaats Mato Grosso leben, nennen sich selbst „A’uwé“. In der Akwén-Sprache bedeutet das "Leute".

Für die Xavante ist das Lernen ein Prozess, der sich durch das ganze Leben zieht, von der Kindheit bis ins hohe Alter. An jeder Etappe dieser langen Reise werden neue Dinge gelernt. Gelernt wird in vielen verschiedenen Situationen. Manches wird in Situationen gelernt, die speziell zur Bildung gedacht sind, wie beispielsweise Rituale. Andere Formen von Wissen werden durch alltägliche Aktivitäten weitergegeben.

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Die gewöhnlichsten Dinge des alltäglichen Lebens werden von den A’uwé als wichtige Möglichkeiten etwas zu lernen betrachtet. Kinder bewegen sich in Gesellschaft anderer Kinder frei im Dorf herum, mit älteren Kindern oder auch mit Erwachsenen. So nehmen sie automatisch Teil an vielfältigen Tätigkeiten. So erkennen und lernen sie die Regeln, die ihre Gemeinschaft formen.

Menina xavante volta do rio com sua irmã. Aldeia Etenhiritipá, MT. Foto: Camila Gauditano

Aufgaben im Haushalt werden von Tag zu Tag erlernt. Wenn Kinder ihren Verwandten bei der Beaufsichtigung jüngerer Geschwister helfen, oder beim Wäschewaschen, oder Mitteilungen überbringen oder Essen zubereiten, dann spielen sie und haben Spaß. Sie lernen im Spiel. Zum Beispiel lernen die Jungen bereits sehr früh, wie man Pfeil und Bogen herstellt. Sie schlüpfen in die Rollen von Jägern und Tieren. So werden sie immer besser in der Fertigung von Pfeil und Bogen, so dass sie, wenn sie groß genug sind, schöne Werkzeuge für die Jagd herstellen können. In ihren Spielen entwickeln sie auch die körperlichen Fähigkeiten, die sie brauchen, um gute Jäger zu werden.

Xavante-Kinder spielen dieselben Spiele immer und immer wieder. Jedes Mal entdecken sie neue Fähigkeiten und Herausforderungen. So verfeinern sie ihre Fähigkeiten. Und sie entdecken Möglichkeiten in ihnen selbst und um sie herum. Ein “Spielhaus” ist ein gutes Beispiel: Manchmal bauen die Xavante-Kinder ein kleines Haus aus Schlamm. Sie teilen es genauso auf wie ein echtes Haus. So beschäftigen sie sich mit dem häuslichen Leben und seiner Organisation in ihrem Dorf. Und sie lernen Dinge über ihre Gemeinschaft.

Menina xavante pilando arroz. Aldeia Etenhiritipá, MT.Foto: Camila Gauditano.

Rituale sind andere wichtige Momente, in denen gelernt wird. Bei Ritualen lernt jeder. Junge Menschen lernen die Grundsätze und Werte ihrer Gemeinschaft und wie man in ihr lebt. Erwachsene lernen von den Älteren, wie man Rituale richtig ausführt. Rituelle Gelegenheiten dienen dazu, soziale Unterschiede und Regeln bei den Xavante zu verdeutlichen und das Wissen davon zu vertiefen.

Sie sind immer auch Wege, die Aufmerksamkeit auf Veränderungen im Leben der Menschen zu lenken. Sie markieren Reisen von einer Lebensphase zur anderen. Dies kann beispielsweise der Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter sein. Menschen, die an solchen rituellen Reisen (oder auch “Übergangsriten”, wie sie oft genannt werden) teilnehmen, lernen sich innerhalb ihrer Gesellschaft richtig zu verhalten. Sie lernen, was die Gemeinschaft von ihnen erwartet und wie man sich weiterhin benehmen muss. Diese Rituale haben konkrete Ziele, bei denen zum Beispiel die Jungen lernen, wie sie mit physischen Herausforderungen umgehen können. Sie lernen wichtige Lieder, und dass sie Teil des A’uwé-Systems des Austauschs sind etc.

Menino xavante quebrando coquinho do cerrado para comer. Aldeia Etenhiritipá, MT. Foto: Camila Gauditano.

Neben diesen Lernmethoden legen die Xavante auch großen Wert auf die Schulbildung. Sie wissen, dass dies eine wichtige Grundlage ist, um ein Verständnis für die Welt außerhalb des Dorfes zu entwickeln. Für sie ist die Schule eine Möglichkeit, andere Arten von Kenntnissen zu erwerben und Fähigkeiten zu erwerben, die von Nicht-Indianern angewendet werden.

Wie die Yudja unterrichten
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Die Yudja, bis vor kurzem auch bekannt als Juruna, sprechen eine Sprache des Sprachstamms Tupi.  Yudja bedeutet auf ihrer Sprache “Die Besitzer des Flusses”.

Sie leben in der Nähe des Rio Xingu im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso und in der Stadt Altamira im Bundesstaat Pará. Sie sind bekannt für ihre schöne Körperbemalung, ihr Musik und viele Feste. Sie trinken gerne Caxiri (ein Getränk aus Maniok), bauen Kanus und fertigen Keramiktöpfe.

Die Yudja sind ungefähr 416 Personen, und leben heute aufgeteilt in sechs Dörfern: Paksamba, Pequizal, Tuba Tuba, Mupadá, Paruredá und Pakaya.

Der folgende Text wurde 2008 von Yudjá-Lehrern und –Schülern aus dem Dorf Tuba Tuba im  Xingu Indigenous Park zusammengestellt.

Unsere Art zu unterrichten

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Für die Yudja ist Erziehung gleichbedeutend mit Unterricht: Junge Menschen werden angeleitet, wie man arbeitet und sich richtig verhält. Junge Menschen lernen aus praktischer Erfahrung. Sie beobachten, wie man etwas macht. Sie beobachten genau und hören gut zu. Dann werden sie vielleicht nachmachen, was sie gesehen haben, oder spielen “Erwachsene”. Es ist wichtig, dass sie Neugier zeigen, Fragen stellen und wissbegierig sind. Am Abend vor dem Einschlafen unterhalten sich die Eltern mit ihren Kindern. Sie erzählen ihnen alte Geschichten, die ebenfalls Wissen vermitteln.

Junge Menschen lernen auch von ihrer Familie, wenn sie Verwandte bei der Arbeit beobachten. Sie machen sie nach und probieren selbst Dinge aus. Ein Kind zwischen fünf und acht Jahren kann schon in vielen Situationen mithelfen: beim Baumwollspinnen, bei der Herstellung kleiner Pfeile und Bogen, beim Fischen mit den Eltern oder bei Festen.

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Aber manche Arbeiten sind Kindern nicht erlaubt, bis sie ungefähr 10 Jahre alt sind. Wenn ein Mädchen in die Pubertät kommt und eine “Iparaha”, eine junge Erwachsene wird, durchläuft sie eine Phase der Vorbereitung, die „Klausur“ heißt. Während dieser Zeit wird sie ihre Kenntnisse über traditionelle Geschichten vertiefen und stärken. Sie lernt, wie sie sich zu benehmen hat, und erfährt viel über Medizin, die sie vielleicht braucht, um gesund heranzuwachsen. Sie lernt töpfern, weben, malen, kochen nach traditionellen Rezepten, das Bestellen des Feldes und die Arbeit im Garten, wie man einen Haushalt führt, jagt, fischt und andere Dinge.


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So wird sie vorbereitet auf den Tag, an dem sie heiraten wird und ihre Kenntnisse an ihre eigenen Kinder weitergeben wird.

Die Schulausbildung muss auf die traditionelle Erziehung der Yudja abgestimmt werden. In der Schule lernen die Kinder zu schreiben und die Sprache der Nicht-Indianer, damit sie mit Menschen außerhalb ihrer Gemeinschaft sprechen können.

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Die Schule lehrt, wie die eigene Sprache geschrieben wird und stärkt die eigene Kultur. Jeder soll am Schulleben teilnehmen: die Kinder, ihre Eltern, die Lehrer, ältere Menschen, kleine Kinder, Heranwachsende und Teenager, die ganze Gemeinschaft.

Was lernen die Kisêdjê von den Älteren ihrer Gemeinschaft?

Die Kisêdjê, die auch als Suyá bekannt sind, leben im Parque Indígena Xingu. Das Wort Kisêdjê bedeutet “zuhören“, „verstehen“ und „wissen”. Sie legen großen Wert darauf, gerade dies gut zu können.

Im folgenden Text aus dem Buch “Ecologia, Economia e Cultura” (Ökologie, Ökonomie und Kultur) aus dem Jahr 2005 beschreiben sie, was sie von den Älteren der Gemeinschaft lernen.


Werte in der Kisêdjê-Gesellschaft

Werte werden uns von Kindheit an beigebracht. Sie werden von den Älteren, von Großeltern und Eltern, weitergegeben. Wir werden gelehrt, andere Menschen zu respektieren, sich gut zu benehmen, zu jagen und zu fischen und die Natur und das menschliche Leben wertzuschätzen. Wir lernen, wie man Gäste behandelt, wie man mit engen Familienangehörigen umgeht und wie mit entfernteren Verwandten. Wir erfahren, wie man Kunsthandwerk herstellt, und lernen Tiere und alle Lebewesen, die in der Natur existieren, zu respektieren. Wir lernen, großzügige und aufrichtige Menschen zu sein. Wir lernen, den Regeln zu folgen, die die Älteren uns weitergeben, wenn sie uns unterrichten. Wir werden dazu erzogen, die Orte und Gegenstände zu achten, die in den Geschichten vorkommen, die uns die Älteren erzählen.

Es gibt heilige Plätze und Dinge. Die meisten heiligen Orte und Gegenstände sind die für die Gebete des Schamanen. Er hat eine Pfeife, die aus einem Vogelknochen gemacht ist, und er hat eine besondere Zigarre. Er hat Kräuter. Viele Menschen haben Respekt vor Schamanen und betrachten sie als Heilige. Die Berge und die Seen sind auch heilig. Sie hüten die Geschichten, die von den Älteren erzählt werden.

Informationsquelle
  • Angela Nunes

No tempo e no espaço: brincadeiras das crianças A’uwe-Xavante, do livro Crianças Indígenas: ensaios antropológicos(2002).

  • Adriana Queiroz Testa

Entre o canto e a caneta: oralidade, escrita e conhecimento entre os Guarani Mbya(2008).

  • Associação Terra Indígena do Xingu (ATIX) e Instituto Socioambiental (ISA)

Ecologia, Economia e Cultura - livro 1 (2005).

  • Programa Xingu - Instituto Socioambiental

Projeto Político Pedagógico Povo Yudjá, aldeia Tuba Tuba (2008).