Mythen und Sagen

Jede Gesellschaft hat ihre eigenen Vorstellungen von den Anfängen der Welt. Mit diesen Ideen versucht der Mensch zu erklären, woher er kommt, und wie alles zusammenhängt – Tiere, Pflanzen, Flüsse, Landschaften, die Sterne am Himmel und alles Leben auf der Erde.

Daraus sind viele Geschichten entstanden, die „Mythen“ genannt werden: Geschichten über eine ferne Vergangenheit, die bis zum heutigen Tag nichts von ihrem Sinn verloren haben. Sie erklären, wie die Welt wurde, was sie ist.

Was sind Mythen?

Diese Sagen werden meist von älteren Leuten erzählt, und die jüngeren hören zu. Durch sie wird wichtiges Wissen mündlich vermittelt, von einer Generation zur nächsten.

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Die Mythen eines Volkes sind verbunden mit ihrem gesellschaftlichen Leben, ihren Ritualen, ihrer Geschichte und der Art zu leben und zu denken. Mythen drücken aus, wie das Leben und der Tod, die Welt, Raum und Zeit betrachtet werden. Sie sind Teil der Tradition einer Gesellschaft. Da eine Gesellschaft immer im Wandel ist, verändern sich auch ihre Mythen.

Jedes Mal, wenn eine Sage erzählt wird, wird sie durch die Person, die sie erzählt, ein wenig verändert. Die Erfahrungen des Geschichtenerzählers beeinflussen, wie er die Geschichte erzählt, und schon ist sie eine andere. Deshalb verändern sich die Mythen ständig, und deshalb gibt es oft viele verschiedene Varianten desselben Mythen-Kerns.

Die Griechen und der „Mythos“

Viele Menschen denken bei dem Wort “Mythos” an die Götter- und Heldensagen des alten Griechenland: Herkules, Achilles, Agamemnon, Zeus, Aphrodite, Apollo, Artemis, Hermes....

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Dafür gibt es einen guten Grund. Das Wort „Mythos“ kommt aus dem Griechischen.

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Die alten Griechen erzählten Sagen über die Ursprünge der Welt, die Abenteuer ihrer Götter und Göttinnen, Helden und Heldinnen und anderer Wesen wie dem Minotaurus, über Zentauren und Nymphen...

Manchen dieser Geschichten wurden von griechischen Schriftstellern aufgeschrieben, wie Homer und Hesiod. Ihre alten Schriften sind die Quellen, aus denen wir heute etwas über die griechische Mythologie erfahren.

Was ist Mythologie?

Mythologie ist die Wissenschaft der Mythen und ihrer Bedeutungen. Eine Mythologie umfasst alle Mythen, die innerhalb einer Gesellschaft oder Religion oder zu einem bestimmten Thema erzählt werden.

Indigene Mythen

Indigene Völker, wie andere Gesellschaften auch, geben ihr Wissen und ihre Erfahrungen weiter, indem sie Geschichten erzählen. Da sie, bis vor kurzer Zeit, nichts schriftlich festgehalten haben, war (und ist) ihre hauptsächliche Form der Informationsweitergabe die mündliche. Neben Erzählungen werden auch Lieder, zeremonielle Gespräche und andere Formen der Rede weitergegeben...

Warum sind Mythen manchmal schwer zu verstehen?

Mythen sind eine Möglichkeit, die Überlegungen eines Volkes zu bestimmten Themen weiterzugeben. Aber wenn man den Erzähler und seine Zuhörer, ihre Werte und ihre Kultur nicht kennt, sind viele Details schwer zu verstehen. Wenn man den Sinn einer Sage verstehen will, muss man Bescheid wissen über die Lebensweise und die Denkweisen der Menschen, die die Geschichten zusammengetragen haben. Erst dann lässt sich der Bedeutungsreichtum wertschätzen, den diese Geschichten enthalten.

Gilt dies auch für indigene Mythen?

Ja. Wenn wir nur wenig oder gar nichts über verschiedene indigene Gruppen wissen, ist es schwierig ihre Mythen zu verstehen. Je mehr man sich mit diesen Geschichten beschäftigt, desto mehr stellt man fest, dass man noch viel mehr über die jeweilige Gruppe herausfinden müsste!

Haben alle indigenen Völker dieselben Mythen?

Nein, im Gegenteil. Ebenso unterschiedlich wie die indigenen Gesellschaften sind auch ihre Mythen. Ein Mythos kann in Dutzenden verschiedener Versionen existieren.

Es gibt über 230 indigene Völker in Brasilien – man stelle sich vor, wie viele verschiedene Sagen sie dort erzählen! Schon in einem einzelnen Dorf können verschiedene Versionen ein und derselben Geschichte erzählt werden…

Haben indigene Mythen trotz aller Unterschiede auch Gemeinsamkeiten?

Die Mythen, die die Indianer Amerikas erzählen, haben gemeinsame Themen, weil diese Völker Seite an Seite gelebt haben, und über Tausende von Jahren Waren und Erfahrungen ausgetauscht haben. Dies führte zu einer Menge von Gemeinsamkeiten.

Geschichten von Sonne und Mond

Welche Geschichte wird von den Inuit erzählt?

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Die Inuit, die in der Region nahe der Beringstraße (im Norden von Nordamerika) leben, sind auch als “Eskimos” bekannt. Sie erzählen, dass vor langer Zeit ein Mann mit seiner Frau in einem Dorf an der Küste lebte. Sie hatten zwei Kinder, ein Mädchen und einen Jungen. Als ihre Kinder heranwuchsen, verliebte sich der Junge in das Mädchen. Weil er sie nicht in Ruhe ließ, rannte sie vor ihm weg, bis in den Himmel. Und sie verwandelte sich in den Mond. Aber seitdem folgt der Junge ihr in Form der Sonne. Manchmal gelingt es ihm sie zu fangen und sie zu umarmen. Das ist immer dann, wenn Mondfinsternisse stattfinden.


Wie wird die Geschichte bei den Kanamari erzählt?

Die Kanamari-Sprache gehört zum linguistischen Zweig der Katukina. Sie leben in verschiedenen indigenen Gegenden im brasilianischen Staat Amazonas. Sie erzählen, dass vor vielen Jahren zwei Kinder in einem Dorf geboren wurden. Eines war ein Junge, das andere ein Mädchen. Sie wurden gemeinsam aufgezogen. Eines Nachts, als sie älter waren, kletterte der Bruder in die Hängematte seiner Schwester, weil er in sie verliebt war. Er ging nur zu ihr, wenn es dunkel war, und er sprach nie, so dass seine Schwester nicht wusste, wer sie besuchte.

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Aber das Mädchen wollte es unbedingt herausfinden. Sie machte einen klugen Plan. Sie strich Farbe aus Jenipapo unter ihre Hängematte. Nachts kam der Junge sie wieder besuchen. Aber bevor er sie wieder verließ, markierte sie sein Gesicht mit der Farbe. Morgens fand sie heraus, dass der Junge mit dem Fleck auf seinem Gesicht ihr eigener Bruder war. Beiden war es sehr peinlich, und sie gingen auf getrennten Wegen fort. Der Junge verwandelte sich in den Mond und das Mädchen sich in die Sonne. Seit diesem Tag haben sie sich nie mehr getroffen.


Wie erzählen die Taurepang dieses Geschichte?

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Die Taurepang leben an der Grenze zwischen Brasilien, Venezuela und Guyana. Sie sagen, dass vor langer Zeit Wei und Kapei, die Sonne und der Mond, die besten Freunde waren. Sie trennten sich niemals. Zu jener Zeit hatte Kapei (der Mond) ein sauberes, anziehendes Gesicht. Aber er verliebte sich in eine Tochter von Wei (der Sonne) und begann sie jede Nacht zu besuchen. Die Sonne mochte das nicht. Sie riet ihrer Tochter, ihrem Liebhaber Menstruationsblut ins Gesicht zu spritzen. Seitdem waren Sonne und Mond Feinde. Das Gesicht des Mondes ist befleckt, und er meidet die Sonne.

Geschichten, wie das Feuer gestohlen wurde

Welche Geschichte erzählen die Ticuna?

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In Brasilien leben die Ticuna im Staate Amazonas. Sie leben auch in Peru und Kolumbien. Sie erzählen, dass vor langer Zeit noch keiner süßen Maniok kannte, und sie wussten nichts vom Feuer. Eine alte Frau erfuhr das Geheimnis des Maniok von ein paar Ameisen. Und ihr Freund, ein Nachtvogel namens „Curiango”, gab ihr das Feuer. Dieser Vogel trug das Feuer im Inneren seines Schnabels und verwendete es zum Maniok-Kochen. Andere Leute konnten ihren Maniok nur in der Sonne wärmen, oder unter ihren Armen.

Die Menschen fanden das Maniokbrot (Beiju) der alten Frau köstlich. Sie wollte das Rezept dafür haben. Sie sagte ihnen, sie würde es in der Sonnenwärme backen. Der Vogel Curiango fand diese Lüge sehr lustig. Er konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen! Und da sah jeder die Flammen in seinem Schnabel.

Die Menschen zwangen den Vogel seinen Schnabel zu öffnen, und es gelang ihnen, das Feuer zu stehlen. Deshalb haben die Curiangos bis heute so große Schnäbel. Und von diesem Tag an waren die Menschen in der Lage, ihr Essen mit Feuer zu kochen!


Was erzählen die Tembé?

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Vor langer Zeit besaß der Königsgeier das Feuer. Die Menschen mussten ihr Fleisch in der Sonne trocknen. Sie konnten es nicht kochen. Aber eines Tages beschlossen sie das Feuer zu stehlen. Sie töteten einen Tapir. Als der Kadaver voller Würmer war, kam der Königsgeier mit seinen Freunden vom Himmel. Sie warfen ihre Federn ab und verwandelten sich in Menschen. Sie entzündeten ein großes Feuer. Sie wickelten die Würmer in Blätter und legten sie ins Feuer um sie zu backen. Die Männer, die sich in der Nähe des toten Tiers versteckten, versuchten das Feuer zu stehlen, aber sie hatten keinen Erfolg. Sie versuchten es wieder, und schließlich gelang es ihnen, den Geiern das Feuer zu entwenden!


Was erzählen die Katukina?

Die Katukina sprechen eine Sprache aus dem Pano-Sprachzweig und leben in der oberen Juruá-Region im brasilianischen Staat Acre. Sie kennen zahlreiche Geschichten über die Ursprünge des Feuers. Dies ist eine:

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Eines Tages, als der Jaguar auf die Jagd gehen wollte, bat er den Wellensittich und die Eule, ein Auge auf sein Feuer zu haben. Er wollte nicht, dass das Feuer ausginge. Er sagte, wenn sie auf sein Feuer achtgeben würden, würde er ihnen dafür etwas von dem Fleisch abgeben, das er von der Jagd mitbringen wollte. Abgemacht! Der Wellensittich und die Eule blieben und sahen nach dem Feuer. Aber als der Jaguar zurückkam, fraß er alles allein. Am nächsten Tag bat der Jaguar den Sittich und die Eule um dasselbe. Er ging los und am Ende des Nachmittags kehrte er von der Jagd zurück. Dieses Mal hielt sich der Sittich nicht zurück: Er fragte, ob der Jaguar ihm ein Stück Fleisch zum Rösten geben würde. Der Jaguar stimmte zu. Aber er tat es wieder nicht. Er aß das ganze Fleisch allein auf.

So ging es mehrere Tage lang. Dann beschlossen der Sittich und die Eule, dem Jaguar das Feuer zu stehlen. Die Eule hatte eine Idee. Sie schlug vor, das Feuer in einem Baumloch zu verstecken. Der Sittich tat dies, bevor der Jaguar zurückkam. Als der Jaguar sah, dass das Feuer verschwunden war, war er sehr verzweifelt. Er versuchte, ein neues Feuer zu machen, aber es gelang ihm nicht. Er erkannte, dass er rohes Fleisch würde essen müssen. Die Sittich kümmerte sich währenddessen sorgfältig um das Feuer. Es war in einem sehr großen Baum versteckt. Es verbrannte seinen großen Schnabel. Deshalb haben Wellensittiche heute so kleine Schnäbel.

Es war der Wellensittich, der als erster den Menschen das Feuer brachte. Bis dahin hatten sie nie gekochtes Fleisch gegessen!

Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen den Mythen der Amerindianer. Aber wenn man genau hinsieht, wird man viele Unterschiede erkennen.

Schau Dir den Zeichentrickfilm Ilya und das Feuer an. Ilya ist ein junger Krieger. Er ist der Sohn von Cy, der Erde, der seine Mutter drängt, das Feuer zu stehlen. Die Macher dieses schönen Films waren inspiriert von einer indigenen Geschichte über den Feuerraub!

Sieh Dir den Film an (auf Portugiesisch)

Ursprünge kultivierter Pflanzen

Jetzt kommen zwei Geschichten über die Ursprünge kultivierter Pflanzen. Die erste Version ist bei den Irantxe und den Myky-Indianern sehr verbreitet. Die zweite Geschichte wird bei den Enawenê-Nawê erzählt.

Beide Geschichten handeln vom selben Thema, aber es gibt viele Unterschiede zwischen ihnen.

Finde die Unterschiede heraus!

Welche Geschichte wird bei den Irantxe und den Myky erzählt?

Die Irantxe und die Myky leben in dem brasilianischen Staat Mato Grosso. Sie erzählen, dass vor langer Zeit ein Junge sehr traurig war, weil er spürte, dass sein Vater ihn nicht mochte. Eines Tages sagte ihm seine Mutter, er solle mit ihr in den Wald zum Früchtesammeln gehen. Auf dem Heimweg entschied der Junge, nicht in sein Dorf zurückzugehen. Er bat seine Mutter ihn zu beerdigen, dort im Wald. Er sagte, sie könne seinen Kopf über dem Erdboden lassen, so dass er nicht sterben würde. Seine Mutter war traurig, aber sie tat, worum der Junge sie bat. Dann ging sie fort, ohne sich umzusehen, wie der Junge es ihr gesagt hatte.

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Als sie nach Hause kam, erzählte sie alles ihrem Ehemann. Einige Zeit später gingen sie zu dem Platz, wo der Junge beerdigt war. Als sie näher kamen, hörten sie ein schönes Lied, das aus einem großen Garten voller Dinge zu essen kam!

Der Kopf des Jungen hatte sich in einen Kürbis verwandelt. Seine Arme und Beine waren zu Maniok geworden. Seine Zähne waren Mais, und seine Fingernägel waren Erdnüsse. So kamen die ersten Nutzpflanzen zu den Irantxe und den Myky!


Wie wird die Geschichte bei den Enawenê-Nawê erzählt?

Die Enawenê-Nawê leben ebenfalls im Staate Mato Grosso. Sie erzählen eine ähnliche Geschichte. Aber anstelle eines Jungen war es ein Mädchen, das die ersten Nutzpflanzen machte. Die Geschichte geht so:

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Eines Tages bat ein junges Mädchen seine Mutter, es zu beerdigen. Obwohl sie traurig war, tat die Mutter, was ihre Tochter erbat, und sie beerdigte sie bis zum Bauch mit weicher, kühler Erde. Sobald sie eingegraben war, bat das Mädchen seine Mutter, sie zu verlassen, ohne sich noch einmal umzusehen. Sie bat sie auch, zurückzukommen, sobald der erste Regen gefallen war. Am Schluss sagte sie, sie solle ihr etwas Fisch bringen und sich darum kümmern, dass die Erde um sie herum gut gepflegt würde.

Die Mutter tat alles, worum die Tochter gebeten hatte, und als sie zurückkam, fand sie einen Garten voller schöner, reifer Maniokpflanzen vor. Jeder Körperteil ihrer Tochter war zu einer anderen Pflanze geworden. So kamen die verschiedenen Maniok-Arten, die die Enawenê-Nawê anbauen, auf die Welt. Die Mutter kam oft in ihren Garten. Sie jätete die Erde um die Pflanzen herum, zog sorgsam die Maniokwurzeln und brachte sie in ihr Dorf, wo sie Nahrung für alle daraus machten.

Andere Mütter sahen, was geschehen war, und gruben ihre Töchter ebenfalls ein. So entstanden Pflanzen wie die Süßkartoffel, Yams und Callaloo-Gemüse.

Wer erzählt diese Sagen?

In jeder indigenen Gruppe gibt es Personen, die gut erzählen können. Das sind meist ältere Menschen, die mit den kulturellen Traditionen ihres Volkes sehr vertraut sind. Diese Geschichtenerzähler sind oft Schamanen oder Meister im Singen traditioneller Lieder. Jeder in der Gemeinschaft schätzt ihre Geschichten.

Wann werden die Sagen erzählt?

Sagen werden im Allgemeinen am Nachmittag oder frühen Abend erzählt, wenn es in den Dörfern am ruhigsten ist. Dann, wenn jeder seine Arbeit beendet hat und man sich zu Hause versammelt. Manchmal werden Geschichten auch während der alltäglichen Tätigkeiten erzählt, wenn man durch den Wald geht, oder beim Fischen oder bei der Gartenarbeit. 

Werden die Mythen auch gesungen?

Ja, manchmal werden die mythischen Geschichten auch als Lieder dargeboten.

Ein Beispiel dafür sind die Marubo, die am Amazonas leben. Ihre Mythen werden von den Kechitxo gesungen. Dies sind Sänger mit einer langen Ausbildung, in der ein älterer Sänger einem jüngeren Verwandten die Mythenlieder beibringt.

 

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Die Marubo singen ihre Mythen, um Krankheiten zu heilen. Für jede Krankheit gibt es ein eigenes Lied. Manche Lieder sind kurz und dauern nur 20 Minuten, andere können bis zu drei Tagen dauern. Die längeren Lieder erzählen oft, wie die Menschen, Tiere, Geister und das ganze Universum lebendig wurden.

 

Die Mythen können von einer kleinen Gruppe nach dem Abendessen gesungen werden, oder bei Festen, zu denen auch Mitglieder und Verwandte von anderen Gemeinschaften kommen. Bei diesen Gelegenheiten begleiten junge Sänger die Kechitxo. 

Verstehen indigene Kinder die Mythen ihres Volkes?

Die mythischen Geschichten sind sehr umfassend und komplex. Sie sind schwer für Kinder zu verstehen, die noch alles über die Welt lernen müssen. Die alten Geschichtenerzähler vereinfachen die Mythen, wenn sie sie jungen Zuhörern erzählen. Komplizierte Details lassen sie dann einfach aus. Auf diese Weise können Kinder mit den wichtigsten Elementen ihrer Volksmythen vertraut werden. Nach und nach lernen sie dann immer mehr über den Reichtum ihrer Kultur.

Wovon handeln indigene Mythen?

Diese Mythen erzählen von vielen Dingen. Sie beschreiben die Abenteuer von Helden und Wesen, die “am Anfang der Zeit” lebten, bevor die Welt und ihre verschiedenen Bewohner erschaffen wurden.

Zu jener Zeit hatten beispielsweise Menschen und Tiere noch eine gemeinsame Sprache. Mythen beschreiben auch, wie Menschen, Tiere, Pflanzen und andere Wesen sich immer mehr voneinander unterschieden.

Sie erinnern an Wettkämpfe, Entdeckungen, Naturkatastrophen und Veränderungen aller Art… Die Wesen, die “vor der Zeit” lebten, haben die Menschen gelehrt, wie sie miteinander leben sollen, wie sie Feste und Rituale pflegen, wie sie die Felder bestellen, jagen, fischen und sich Nahrung beschaffen konnten, und wie sie sich in vielen anderen wichtigen Situationen des Alltags richtig verhalten sollten.

Lies ein paar Sagen über den Ursprung des menschlichen Lebens

Die Ethnie Desana lebt im Bundesstaat Amazonas in Brasilien, und in Kolumbien.

Welche Geschichte erzählen die Desana, um den Ursprung der Menschen zu erklären?

Laut den Desana hatten alle Menschen denselben Ursprung. Sie erzählen, dass am Anfang, als es die Welt noch nicht gab, eine Frau namens Yebá Buró – die Großmutter der Welt – fünf Donnermänner erschuf. Diese Donnermänner sollten die ersten Menschen erschaffen, aber es gelang ihnen nicht. Deshalb gebar Yebá Buró den Großen Enkel der Welt, und danach seinen Bruder, Umukomahsu Boreka.

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Diese beiden Brüder und der dritte Donnermann machten sich daran, menschliche Wesen zu erschaffen. Sie nahmen alle wertvollen Dinge mit, die sie hatten. Der dritte Donnermann verwandelte sich in eine große Schlange, die zum Grund des Milchsees schwamm. Diese Schlange war das “Boot der Verwandlung”.

Sie gehorchte den beiden Brüdern und schwamm unter Wasser wie ein U-Boot. Diese bauten Unterwasserhäuser, und wo auch immer sie Halt machten, hielten sie Rituale ab mit den wertvollen Dingen, die sie mitgebracht hatten. Diese Dinge verwandelten sich in Menschen. Danach schufen die Brüder die Sprachen, die von den Menschen in der oberen Region des Rio Negro bis heute gesprochen werden.

Auf ihrem Rückweg brachte das Boot der Verwandlung sie zu einem Wasserfall. Hier betraten sie zum ersten Mal trockenes Land. Aber Yebá Gõãmu, der Große Enkel der Welt, stieg nicht aus dem Boot. Stattdessen erschuf er den Anführer der Tukano, der als erster mit dem Schlangen-Boot hinunterfahren durfte. Ihm folgte Boreka, der Anführer der Desana. Er ging ebefalls nach unten. Der dritte war der Anführer der Pyra-Tapuyo. Der vierte war der Anführer der Siriano, der fünfte der Anführer der Baniwa. Der sechste, der auf die Reise ging, war der Anführer der Maku. Der Große Enkel der Welt gab jedem von ihnen Gegenstände und Fähigkeiten, um die Ruhe zu bewahren, große Feste abzuhalten und mit allen gut auszukommen.

Der siebte, der die Reise machte, war der weiße Mann. Er hatte ein Gewehr in der Hand. Yebá Gõãmu gab ihm nichts. Aber er sagte ihm, der weiße Mann sei eine angstlose Person, die Kriege anzetteln würde, um anderen ihr Hab und Gut zu stehlen. Der weiße Mann feuerte aus seinem Gewehr. Dann brach er auf zur Sonne… und begann einen Krieg.

Informationsquellen
  • Aracy Lopes da Silva

Mitos e cosmologias indígenas no Brasil: breve introdução, no livro Índios no Brasil (1992).

Mito, razão, história e sociedade, no livro A Temática Indígena na Escola (1995).

  • Claude Lévi-Strauss

Mitológicas. Volumes O cru e o cozido, Do mel às cinzas e A origem dos modos à mesa. São Paulo, Cosac Naify (2004, 2005 e 2006).

  • Jean-Pierre Vernant

O universo, os deuses, os homens (2000).

  • Povo Kanamari e COMIN

Tâkuna Nawa Buh Amteiyam Amkira – Mitos kanamari (2007).

  • Povo Katukina e Comissão Pró-Índio do Acre

Noke shoviti – Mitos Katukina.

  • Tõrãmu Kehíri e Umusi Pãrõkumu

Antes o mundo não existia - Mitologia dos antigos Desana-Kehíripõrã (1995).

  • Ana Cecilia Venci Bueno

Os Irantxe e Myky do Mato Grosso: um estudo do parentesco (2000).

  • Dominique Gallois

Pesquisa etnológica entre os Tupi do Cuminapanema (1992).

  • Gilton Mendes dos Santos

Da cultura à natureza: um estudo do cosmos e da ecologia dos Enawene-Nawe (2006).

  • Pedro de Niemeyer Cesarino

De 'cantos-sujeito' a 'patrimônio imaterial': considerações sobre a tradição oral Marubo (2006).