Die Besetzung Brasiliens

Kleine Siedlergruppen ließen sich in unterschiedlichen Landschaften nieder, die das heutige Brasilien noch immer prägen. Manche siedelten in der brasilianischen Savanne („Cerrado“), andere im atlantischen Dschungel und wieder andere im Regenwald des Amazonas. Die verschiedenen Umgebungen beeinflussten die Entstehung neuer Sprachen, kultureller Ausdrucksformen und Lebensweisen und prägten die Unterschiede zwischen den einzelnen Völkergruppen.

Wann war das?

Die Besiedlungen fanden in der Periode direkt nach dem Pleistozän statt, im „Archaischen Zeitalter“ vor 2.500 bis 10.000 Jahren. Archäologische Funde geben Hinweise darauf, dass die Bevölkerung von Jahrtausend zu Jahrtausend stark anwuchs und die Gruppen sich kulturell sehr verschieden entwickelten.

Was ist eine archäologische Stätte?

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Wir können nur etwas über vergangene, schriftlose Völker erfahren, wenn wir ihre materiellen Überreste finden. Eine archäologische Stätte ist ein Ort, an dem diese Völker gelebt haben und an dem man hinterlassene Reste wie getöpferte Gefäße, Reste von Äxten oder andere Steinwerkzeuge findet, oder Gegenden, die zum Anbau genutzt wurden.

Was veränderte sich am Anfang des archaischen Zeitalters?

Es wurde wärmer. Dies führte zu Veränderungen in der natürlichen Umgebung. Diese Veränderungen wiederum beeinflussten die Lebensbedingungen der ersten Siedler in Amerika.

Große Waldgebiete entstanden. Das Fluss-System wurde stabiler, die Flüsse trockneten nicht mehr für längere Zeiträume aus. Und die Fläche der Mangrovensümpfe (typische Vegetation in Gebieten, wo Flüsse auf das Meer treffen) wuchs an. Während dieser Zeit entwickelte sich eine großartige Breite an natürlichen Rohstoffen. Von diesen Bodenschätzen machen die Menschen bis heute Gebrauch.

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Pedro Martinelli.ISA.2002

 

 

 

 

Studien belegen, dass der Regenwald am Amazonas das Ergebnis des Jahrtausende alten, besonderen Umgangs der indigenen Völker mit den natürlichen Ressourcen ist. Dasselbe gilt für andere Regionen in Brasilien.

“Die natürlichen Vorkommen verwalten” bedeutet, sich so darum zu kümmern, dass der Vorrat nicht zu Ende geht, sondern jedem und immer zur Verfügung steht.

Lebten die Menschen auch im archaischen Zeitalter noch als Jäger und Sammler?

Ja. Es gab eine große Vielfalt an natürlichen Rohstoffen, die ihnen in den Landschaften, die sich neu bildeten, zur Verfügung standen. Die indigenen Völker lernten immer besser, im Einklang mit ihrer Umgebung zu leben. Über Tausende von Jahren wurden sie Experten für Tiere und Pflanzen. Nach und nach entdeckten sie, wie sie am besten mit dem Angebot der Natur umgehen konnten. So, wie ihr Wissen über ihre Umgebungen immer genauer wurde, so dehnte sich auch die Bevölkerung aus. Vor etwa 4.000 Jahren hatten die Menschen nahezu jede Region erobert.

Wussten diese Menschen, wie man Pflanzen kultiviert?

Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass die Menschen erstmals während des Archaischen Zeitalters mit der Feldarbeit experimentiert haben. Sie begannen Pflanzen anzubauen, die wichtig für sie waren. Mit der Entwicklung der Landwirtschaft begannen die Menschen, sich in festen Dörfern in reichen Jagdgründen niederzulassen. Am Ende des Archaischen Zeitalters, vor ca. 2.500 Jahren, endete das Leben der Indigenen als Nomaden. Nach und nach erstreckten sich die indigenen Siedlungen über das ganze heutige Brasilien.

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Wurden Tiere als Nutztiere gehalten?

In der Berggegend der Anden wurden Tiere gehalten. Aber es ist nicht überliefert, ob es Tierhaltung auch im heutigen Brasilien gab.






Wann wurde zum ersten Mal Getreide als Lebensmittel angebaut?

Vor ca. 3.000 bis 4.000 Jahren begannen Menschen, Landwirtschaft zu betreiben. In Brasilien wurde erstmals vor ca. 2.000 Jahren das Land bewirtschaftet. Als die ersten Europäer kamen, wurden hauptsächlich Tabak, Mais und Chilischoten angebaut.

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Welche wichtigen Dinge kommen ursprünglich aus der Welt der amerikanischen Indianer?

Das sind vor allem die Pflanzen, die die indigenen Völker in Amerika schon gezüchtet haben, lange bevor ihr Land kolonialisiert wurde. Dazu gehören die vielen Varianten der Kartoffel, Yams, Maniok, Bananen, Kürbisse, die Passionsfrucht, Kakaobohnen, Tomaten, die Frucht der Vanille, Ananas, Cashew- und Erdnüsse, Papayas und viele andere Früchte!
Ab wann waren die indigenen Bewohner Brasiliens keine Nomaden mehr?

Am Ende des archaischen Zeitalters, ungefähr vor 2.500 Jahren, hörten viele Völker, die einfache Steinwerkzeuge benutzten, auf, als Nomaden zu leben.Nomadische Völker sind jene, die keine feste Wohngegend haben, sondern ihr Leben lang von einem Ort zum anderen wandern.Diese indigenen Völker fingen an, Dörfer zu errichten, und langfristig größere Gebiete zu besiedeln, die durch Wege mit einander verbunden wurden. Diese Gegenden waren reich an natürlicher Nahrung, vor allem Pflanzen und Tiere. Die Völker lernten, wie man diese Nahrungsmittel lagern und aufbewahren kann. Waren und Wissen wurde zwischen den verschiedenen Völkern ausgetauscht, was zu einer schnellen Entfaltung des Wissens beitrug. Die Bevölkerung wuchs stark an, und damit auch die Landfläche, die sie bevölkerten.
Was weiß man über die Besiedlung der brasilianischen Küste?

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Die wichtigsten archäologischen Fundorte entlang der Küste sind bekannt als “sambaquis“, was in der Tupi-Sprache „Muschelhaufen“ bedeutet. Die “sambaquis”, Hügel aus Schellfischresten, sind 1.000 bis 4.000 Jahre alt.



Detalhe de sambaqui em Laguna, Santa Catarina. Foto: Silvia Futada, 2009.

Diese Hügel dienten auch als Grabstätten, in denen menschliche Hinterlassenschaften wie geschliffene Steinwerkzeuge und Gegenstände aus Knochen, Zähnen und Muschelschalen gefunden wurden. Sambaquis gibt es von der Nordostküste Brasiliens bis zum Rio Grande do Sul im Süden.

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Die Hügel unterscheiden sich in der Größe. Manche sind kleine Hügel, etwa 10 Meter lang und 2 Meter hoch. Manche sind kleine Berge, 500 Meter in der Ausdehnung und bis zu 60 Meter hoch.





Warum wurden die Sambaquis errichtet?

Die Sambaquis dienten als Wegweiser in der Landschaft. Man konnte sie aus großer Entfernung sehen. Die indigenen Völker, die sie errichtet haben, sind heute als „Sambaqui-Gesellschaften“ bekannt. Viele der Sambaquis wurden durch den Anstieg des Meeresspiegels zerstört. Diejenigen, die man heute noch sehen kann, standen einst weiter im Landesinnern.

Gibt es diese Sambaquis noch?

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Ja, aber nur wenn sie nicht durch den ansteigenden Meeresspiegel nicht zerstört worden sind. Die ältesten Sambaquis befinden sich nun unter Wasser. Die die uns noch erhalten sind, wurden im Landesinneren gebaut.

 


Als die Portugiesen das erste Mal an den Küstengebieten ankamen, traten sie nicht in Kontakt mit der Samaquis-Kultur?

Nein, sie trafen auf Kulturen, die sich von der Samaquis-Kultur unterschieden. Die indigenen Völker, auf die sie trafen, und die die europäischen Reisenden beschrieben, waren Völker, die die Tupi-Sprache sprachen. Sie wohnten in großen Dörfern, manchmal mit bis zu zweitausend Einwohnern, und sie nutzten Ackerbau als ihre grundlegende Überlebensweise.
Was wurde aus der Sambaqui-Kulturen?

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Sie sind verschwunden! Niemand weiß, warum. Einer der Gründe mag sein, dass sie von anderen indigenen Gruppen vertrieben wurden, die aus dem Landesinneren kamen.





Wie lebten die indigenen Gruppen, die die Tupi-Sprachen gesprochen haben?

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Sie lebten vor allem vom Getreideanbau, nach der landwirtschaftlichen Methode der Brandrodung. In Brasilien wird dieses Vorgehen „roça“ genannt und bezieht sich auf die kultivierte Rodung von Wäldern oder Gärten. Die Tupi-Völker verwendeten das Getreide, das sie anbauten, um mit den Europäern Handel zu betreiben. Sie tauschten ihre Ernte gegen Äxte, Messer, Kleidung, Spiegel und andere Dinge.

Was ist Brandrodung?

Zuerst wird ein bestimmtes Waldgebiet abgeholzt. Die gefällten Pflanzen werden liegengelassen, bis sie ganz trocken sind. Dann werden sie abgebrannt. Dies leert das Gebiet und bedeckt es mit Asche. Dann wird die gerodete und abgebrannte Fläche gesäubert. Zweige und nicht verbrannte Pflanzenteile wie Baumwurzeln werden beseitigt. Wenn es regnet, werden verschiedene Pflanzenarten auf das nun freie Feld gesetzt: Mais, Bohnen, Maniok, Kartoffeln und Yams. Diese Anbaumethode garantiert, dass der Boden fruchtbar bleibt. Außerdem wird so die Gefahr von Seuchen verringert. Das Feld muss nur gejätet und gepflegt werden. Bis heute ist die Brandrodung überall in Brasilien die am meisten verbreitete Landwirtschafts-Methode. Sie greift am wenigsten in die Umwelt ein. Große Gebiete werden nicht abgeholzt. Und der Wald kann auf natürliche Weise nachwachsen, wenn das Feld nach ein paar Jahren nicht mehr kultiviert wird.

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Woher kamen die Menschen, die die Küstengebiete von Brasilien besetzt haben?

Sie kamen aus dem Landesinneren. Linguistische und archäologische Untersuchungen haben ergeben, dass die indigenen Gruppen, die Sprachen aus dem Tupi-Sprachkreis gesprochen haben, ursprünglich alle von einem Volk abstammen. Vor 4.000 bis 5.000 Jahren wuchs die Bevölkerung einer indigenen Gruppe zwischen dem Unter- und dem Mittellauf des Amazonas extrem an. Eine Folge war, dass Mitglieder dieser Gruppe sich ausbreiteten und große Gebiete besetzten, die nicht zu Brasilien gehören. Wenn Du mehr über Sprachstamm herausfinden willst, gehe zum Kapitel Indigene Sprachen.

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Ortsnamen geben gute Hinweise, wenn man wissen will, wie sich diese Tupi-sprechenden Gruppen ausgebreitet haben. Es gibt Plätze in ganz Brasilien, die Tupi-Namen tragen. Ein gutes Beispiel ist der Name „Araraquara“. So heißt eine Stadt im Südosten von Brasilien, im Bundesstaat São Paulo. Außerdem heißt so ein Fluss im Norden des Landes, im Bundesstaat Amazonas! Die wichtigsten archäologischen Gegenstände, die auf das Volk der Tupi zurückgehen, sind Keramikscherben von Töpfen und Krügen, die dort gefunden wurden, wo sie ihre Dörfer gebaut hatten.
Bewohnten die Tupi-sprechenden Gruppen auch die Zentralebenen von Brasilien?

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Nein. Ganz andere indigene Gruppen als die Tupi-Völker lebten in der Region, die heute „zentralbrasilianische Ebene“ genannt wird. Diese ist ein trockenes Gebiet, das von hohen Gebirgskämmen und Bergen mit abgeflachten Gipfeln geprägt ist. Diese Gegend ist als „brasilianische Savanne“ oder „Cerrado“ bekannt. Die Gesellschaften, die dort lebten, entwickelten ganz andere Lebensweisen als die Tupi. Das waren Leute, die Sprachen aus der Sprachstamm Macro-Jê gesprochen haben.

Wenn Du mehr über Sprachstamm herausfinden willst, siehst Indigene Sprachen.

Wann kamen die Jê-sprechenden indigenen Gruppen nach Zentralbrasilien?

Vor ungefähr 11.000 Jahren. Bis vor etwa 2.000 Jahren waren die Jê Gruppen von nomadischen Jägern und Sammlern. Ungefähr vor 1.400 Jahren kam es zu großen Veränderungen ihrer Lebensweise. Sie begannen, in großen Dörfern zu leben und Nutzpflanzen anzubauen. Ihre Dörfer waren im Allgemeinen kreisförmig, und dieser Siedlungstyp breitete sich in der gesamten Region aus. Bei archäologischen Grabungen wurden feine Keramikarbeiten entdeckt, die auf die Menschen aus dieser Zeit zurückgehen.
Wie war das Amazonasgebiet bevölkert?

Viele Jahre lang wurde das Amazonasgebiet als “grüne Wüste” beschrieben, als leere Region, in der es nichts als unendliche Wälder gab. Meist wurde angenommen, die Gegend sei von ein paar einzelnen Menschen erst in der jüngeren Vergangenheit besiedelt worden.

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Neuere Untersuchungen haben ergeben, dass das Gegenteil der Fall ist: Die erste menschliche Besiedelung liegt mindestens 11.000 Jahre zurück. Damals wussten die Menschen noch nichts von Landwirtschaft. Sie lebten hauptsächlich vom Jagen, Fischen und Sammeln.

Wo wurden die ersten Keramiken hergestellt?

Am Amazonas! Hier wurden Techniken für die Keramikherstellung entwickelt. Von hier aus breiteten sich diese und andere Fähigkeiten aus.

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Entlang des Flusses Amazonas und an seinen Seitenarmen wurden 8.000 Jahre alte Scherben von Tontöpfen gefunden. Dies lässt vermuten, dass die Fähigkeiten, die zum Töpfern notwendig sind, hier ihren Ursprung haben. Offenbar siedelten Menschen entlang der Flüsse im Amazonasgebiet und passten ihre Lebensweise an die Umgebung an.

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Ungefähr vor 1000 Jahren breiteten sich andere Völker wie die Marajoara und die Tapajônica entlang des Amazonas aus. Ihre fein verzierten Dekorationen und Keramiken sind Beispiele dafür, wie wichtig Schönheit und Ästhetik für die indigenen Kulturen am Amazonas waren. Einige Merkmale bei Funden der Anden-Völker gehen direkt auf diese Amazonas-Kulturen zurück. Damit kann das Amazonasgebiet als Wiege verschiedener indigener Völker betrachtet werden.


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Informationsquellen
  • Museu de Arqueologia e Etnologia-MAE
Brasil 50 mil anos: Uma viagem ao passado pré-colonial (Guia temático para professores)
  • Museu de Arqueologia e Etnologia-MAE

Programa de educação patrimonial do levantamento arqueológico do gasoduto coari-manaus (Guia temático)

  • Eduardo Góes Neves
Os índios antes de Cabral: arqueologia e história indígena no Brasil, do livro A temática indígena na escola: novos subsídios para professores de 1° e 2° graus (1995).




Eine Partnerschaft zwischen dem Museum für Archäologie und Ethnologie der Universität São Paulo (MAE-USP)